Ein Gruß
Es schneit, wohl schon seit den frühen Stunden, die Strasse trägt eine festgefahrene Decke. Wir Autofahrer, im grauen Morgen eine endlose Linie an roten Flecken voraus, an blendenden Lichtern entgegenkommend, bewegen uns endlos wurmartig jeder zu seinem Ziel.
Auf der Gegenspur möchte jemand abbiegen, über meine Spur hinweg. Hinter ihm schon eine lange Kette Mitwartender. Ich verlangsame, gebe Lichtsignal, der Wagen kreuzt, ob der Schneedecke langsam, über meine Spur. Ich sehe nicht dass der Kreuzende grüßt oder dankt. Aber der LKW-Fahrer hinter diesem Wagen, der nun anfährt, hebt seine linke Hand zum Gruß. Ich grüße zurück. Ebenfalls mit der Linken. Handfläche offen nach vorne, die Finger leicht geöffnet, entspannt, wie jener.
Wir passieren und ich stelle überrascht fest, dass hier für einen ganz kurzen Moment eine Verbindung entstanden ist. Der Andere hat gedankt, dass ich ihm das Weiterkommen ermöglicht habe, und das mit einer Geste, die wohl so alt ist wie die Menschheit selber: mit der offenen Hand. Ob er sich darüber wohl auch Gedanken gemacht hat? Ich sinniere noch den ganzen restlichen Weg über dieses Ereigniss, überlege wie alt dieses Zeichen wohl ist, und ob es zum Weltwissen gehören mag? Oder zum kollektiven Unbewussten?
Die offene Hand symbolisiert von Alters her das ich “waffenlos” bin, ich zeige meine Hände damit der Andere weiß: ich verstecke nichts. Ein Zeichen des Friedens. Ähnlich wie das Lüften das Hutes noch aus einer Zeit stammt, als Ritter den Helm abnahmen um zu zeigen dass sie nicht zum Kampf gekommen waren, ist auch diese Geste, wenngleich viel älter, doch in unseren Alltag noch hochpräsent.
Mich faszinieren solche Verbindungen zu ganz alten Ritualen und ich stelle immer wieder fest, dass es eine ganz Reihe solcher “Alltäglichkeiten” gibt die wir unwillkürlich anwenden. Auf welcher Seite der Herr neben der Dame geht hat damit zu tun, mit welcher Hand er besser seinen Degen ziehen konnte. Oder Rangfolgen die auf hunderte von Jahren an Tradition anknüpfen.
Wir wenden diese Dinge an und es gibt uns ein gutes Gefühl. Es verbindet und verweist auf das “große Gemeinsame” der Menschen eines Landes und Kulturkreises, oder der ganzen Welt.
Schön.
