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Werden und Sein: hartes Brot mit süßen Geschmack

Daumen runter Kino

Montag 20 Februar 2012 - Filed under ...im Leben + Getan

 Ich bin ja durchaus ein Freund von gutem Actionkino. Da darf viel passieren, es darf auch laut sein. Gerne eher SciFi, oder gute Fantasy. Ich gestehe, ich habe Avatar drei Mal im Kino gesehen, natürlich in 3D, und dann die DVD gekauft.

Und also stand mir gestern Abend der Sinn nach Laut. Die “Underworld”-Saga hat schon viel von dem Charme eines Filmes, der meine obigen Bedingungen erfüllt. Zudem dachte ich: Na, all die Narren tragen heute ihr Käppchen und das Kino dürfte angenehm leer sein. Immer noch nicht den waghalsigen Schritt zum “Straba-Fahren” getan, ich also ins Auto und zum Cineplex gefahren. Auf der Suche nach einem Parkplatz passierte ich den Ort des Geschehens und ich war doch erstaunt, dass es so voll war dort. Sehr voll.

Parkplatz gefunden und das völlig überfüllte Kino betreten, lange Schlangen vor den Kassen. Und, nun ja, ein deutliches Ungleichgewicht hinsichtlich der gesprochenen Sprache erkannt: nur Türkisch.
Mannheim stellt, meines Wissens, die zweitgrößte (dritt-?) türkische Gemeinde in Deutschland, nach Berlin, und knapp vor Köln. Alle waren heute im Kino. Nach viel Gedrängel hatte ich eine Karte und ging durch die Menge zum Abreißer. Auf meine Frage: “Was ist den los heute?”, gab jener mit einem überaus gequält wirkenden Lächeln zurück: “türkischer Film”.
Ach ja, ich hatte die Werbung dafür schon gesehen, viel davon. Türkischer Film, FSK 16, nur in Originalsprache. Wow, dachte ich schon damals, clever von den Betreibern, diese Rechnung ging wohl auf.

Ich schnappte mir eine der eingeschweißten Brillen, entzifferte meine Sitznummer (Doof: für die Fernsicht habe ich eine Brille, fürs Lesen und Nahe habe ich eine Brille. Aber ich habe immer nur eine davon dabei; fürs Kino die Fernsicht) und betrat den großen Saal.
Nun ist das mit dem 3D-Erlebnis, in Verbindung mit der Anweisung der Kassenleute so: Es gibt gute wie schlechte Plätze um die 3D-Effekte zu geniessen, wie das auch mit dem Sound so ist. Der gute Platz für 3D ist demnach am Anfang des hinteren Drittels, von der Leinwand aus gesehen, in der Mitte, Plus / Minus zweier Reihen (Abhängig von Saal- und Leinwandgröße). Hier fliegen einem die 3D-Effekte direkt auf die Nase. Gepaart mit dem sich mir nicht erschließenden zwanghaften Wunsch der Kartenverkäufer, das Kino quasi in konzentrischen Halbkreisen lückenlos nach hinten aufzufüllen hat das zur Folge, das selbst wenn das Kino nur mit zwei Menschen besetzt ist, diese unweigerlich nebeneinander sitzen.

Ich trete also in das recht leere Kino, finde meine Reihe. Zwei Menschen sitzen schon in auf den Topplätzen. Zwei Frauen. Dick. Um nicht zu sagen: fett. Sitzüberquellend. Kurze Haare, versetzt mit wagemutigen Farben (nicht karnevalistisch motiviert; eher modisch), anfang Zwanzig, zudem noch vielfältig mit, ich sage mal: Schmuck, gepierct. Der Supergau als Nachbaren, denn natürlich hatte ich direkt den Platz neben jenen. Auch nochmaliges kontrollieren meiner Karte bot da keine Erlösung. Da die Reihe aber leer war, grüßte ich und setzte mich einen Sitz weiter weg. Die Damen kicherten.

Ich war früh und hatte die Hoffnung, dass nicht weitere Besucher dem Sog des Kartenverkäufers erlegen waren. Pech gehabt. Zwei Burschen traten in die Reihe. Ebenfalls Anfang Zwanzig, Typ: weltkluger Student, endlich weg von Zuhause und stolz gelernt zu haben, dass man selber Kleidung waschen kann, der sich mit allen prima auskennt und sich dies gegenseitig ständig versichern muss. Noch nicht einmal Nerd! Darunter!
Sie verschoben mich auf meinen anweisererzwungenen Platz, neben die einen Kücheneimer voll Popcorn mümmelnden Fetten. Welche daraufhin wegen der für sie offenbar anregenden Nähe meiner männlichen Stärke spürbar aktiviert kicherten.
Die Unter-Nerds setzten sich und vertrieben sich die Zeit mit der Demonstration großer Herablassung gegenseitig, indem sie, laut genug, über Shutterbrillen, Bildschirmtypen und soziale Absicherung sprachen, poliglottes Sein posaunend (“Ich hätte den Film ja wirklich lieber in Englisch gesehen”). Zudem mussten sie sich gegenseitig versichern, dass der Kinobetreiber, wie auch der Produzent des anstehenden Streifens, sich glücklich schätzen durfte dass sie sich hier niederliessen.

Ich schl0ß die Augen und legte meinen Kopf zurück. Begann mit Entspannungsübungen. Bewusstes Atmen hilft meist. Nicht immer.

Immerhin: die Werbung begann (die ich durchaus geniessen kann, wenn gut gemacht, im Kino), unterbrochen von der geschwätzigen Kichernheit der Dicken und den kommentierenden Schnauben, zu welchem sich die Jungfrauen (Die waren ganz sicher nur wegen der stets in schwarzem Latex gekleideten Kate B. im Film) zu meiner Rechten genötigt fühlten.

Der Film? Ach ja, der Film: Zu viel des Guten. Actionfilme neigen dazu, wenn sie in Serie ausgeführt sind, mehr und mehr Inhalt durch reine Action zu ersetzen (Nicht das Inhalt eine notwendige Basis ist, die solchen Filmen zugrunde liegt). Auch so hier: Die Bösen waren noch böser; und größer, noch mehr Objekte jeglicher Art flogen zersplittert auf mich zu, laut war es und natürlich schnell.

Also, muss nicht sein. Und schnell ins Bett mit einem guten Buch.

 

2012-02-20  »  d+

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Re: Daumen runter Kino

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